Historie


Kelsterbach wird am 14. Mai 1952 erwachsen... - ein geschichtlicher Schnelldurchlauf


Kelsterbach ist 60 Jahre alt – als hessische Stadt. Natürlich war der Boden, auf dem die jetzige Stadt liegt, schon sehr viel früher besiedelt. Die Schädeldecke eines Cro-Magnon-Menschen, also eines Vertreter der Gattung „homo sapiens“, wird in den 50er Jahren in einer Kelsterbacher Kiesgrube gefunden und auf ein Alter von rund 30.000 Jahren geschätzt. Trotz mancher Diskussion um den Wissenschaftler Protsch von Ziehten scheint sich das Alter des Schädels zu bewahrheiten. Funde aus der Bronzezeit, ein in den jüngsten zurückliegenden Jahren von der Universität Frankfurt und dem Volksbildungswerk e.V. freigelegtes provinzialrömisches Kultgebäude aus den Jahren 220 bis 260 n. Chr. – auch das machte wissenschaftlich Aufsehen – oder die noch nicht endgültig gedeutete „Schwedenschanze“ zeigen: In Kelsterbach am Untermain ließ es sich seit jeher gut leben. Eine Urkunde von 880 n.Chr., unterschrieben von Karl dem Dicken, einem Sohn des Karolingerkönigs Ludwig der Deutsche (der residierte vornehmlich in der Frankfurter Pfalz) lässt uns einen ersten urkundlichen Beweis für das Alter der Siedlung Kelsterbach führen. Ludwig der Deutsche starb 876 in Frankfurt und wurde im Kloster Lorsch an der Bergstraße begraben. Und eben dieses Kloster Lorsch macht Kelsterbach erschließbar noch älter: Das Kloster Lorsch wurde 764 gegründet. Und auf eben dieses Datum wird auch ein Teil der Besitzungen des Kloster innerhalb des Lorscher Codex, das Lorscher Reichsurbar, gedeutet: 764/5 n.Chr.
Somit ist das germanisch fränkisch besiedelte Kelsterbach heuer im Jubiläumsjahr wohl 1247 oder 1248 Jahre alt. Denn viele Orte der Region haben ihre Erstnennung dem Reichsurbar zu verdanken, auch „Gelsterbach“, gelegen an einem Hochwasser sicheren Fernweg (der Stockstraße) von Worms in die wirtschaftlich und politisch ertragreiche Wetterau. Kelsterbach liegt an einem Übergang des kleinen Bächleins, das früher wohl deutlich mehr Wasser führte. Der kleine oder größere Bach, der „gellende“ sprich plätschernde Bach, gab dem Ort seinen hydronomischen Namen: Kelsterbach sei Dank.

1952 wurde ausgiebig gefeiert

1952 erhielt die Gemeinde Kelsterbach das Recht, die Bezeichnung Stadt zu führen. Die Originalurkunde, unterschrieben vom hessischen Innenminister Zinnkann, ist im Stadtmuseum Kelsterbach zu sehen. Vom 14. Mai 1952, dem urkundlich aufgedruckten Datum auf der Urkunde, bis zum Feierwochenende am 30. und 31. August 1952, dauerte es allerdings eine Weile. Ganz Kelsterbach fieberte den Feierlichkeiten entgegen. Die Straßen waren anno dazumal mit Fahnen und Girlanden geschmückt und mit weiterem grünen Zierwerk verschönert.
Der Feierreigen begann mit einer samstäglichen Feierstunde am 30. August, auch Bürgermeister Wendelin Scherer (SPD) fand sich ein und lauschte den Gesängen der Schülerinnen und Schüler. In den beiden Lichtspieltheatern konnten die Kelsterbacher, die älter als 65 Jahre waren, umsonst Filme sehen. Am Nachmittag versammelte man sich auf dem Friedhof, der Toten wurde gedacht, Kränze niedergelegt. Der Zweite Weltkrieg war für die Menschen noch greifbar frisch und präsent. Am ersten Festtagsabend kamen die Kelsterbacher auf dem Schloßplatz zusammen, bestaunten die Darbietungen der Kelsterbacher Vereine. Es wurde musiziert, gesungen, getanzt und geturnt. Doch die Festgesellschaft musste wegen des einsetzenden Regens flüchten. So zogen die Unverdrossenen in den großen Saal der Sonne. Dort spielte der Kelsterbacher Jockel Kuhn erstmals die für das Jubiläum komponierte Kelsterbacher Nationalhymne: „Wie liegst du schön mein Kelsterbach, du Perle am Untermain.“

Der Sonntag (31. August) darauf begann mit Festgottesdiensten in den Kirchen. Danach war die Zeit für die akademische Feier gekommen im feierlich dekorierten Saal des Kinos „Friedrichshöhe“. Die Feierstunde wurde per Lautsprecher auf die Straßen übertragen, alle Festreden wurden per Tonband aufgezeichnet. Der Orchesterverein machte den musikalischen Auftakt mit Franz Schuberts Vorspiel zu „Rosamunde“. Bürgermeister Wendelin Scherer begrüßte in schönstem gehobenem Kelsterbacher Dialekt die Festgäste. Erschienen waren: Heinrich Zinnkann, Hessischer Staatsminister des Inneren, Regierungsdirektor Ahl, Landrat Jean Harth aus Groß-Gerau, Abgesandte der Großstädte Frankfurt am Main und Mainz sowie der Kelsterbacher Nachbargemeinden. Nach dem Festakt zeigte Kelsterbach seine wirtschaftliche Stärke bei einer Gewerbe- und Industrieschau in der Alten Schule. Mit Bussen wurde eine Rundfahrt durch Kelsterbach für die älteren Menschen organisiert. Auf dem Festplatz flogen 2.000 Brieftauben gen Himmel und kündeten: Kelsterbach ist erwachsen geworden, wir sind eine Stadt. Weiter demonstrierten die Sportvereine ihr Können, auf dem Festplatz fand ein „lebendes Schachspiel“ statt. Im Saalbau Dieter in der Bergstraße führten die Mitglieder des Stenografenvereins und des Tischtennisclubs ihr schönstes Hobby vor. Auf der Kegelbahn „Friedrichshöhe“ schoben die schon in wenigen Jahren bis zum Weltmeister avancierenden Kegler ihre Kugeln. Im Heidenrain ließen die Segelflieger des Vereins „Ikarus“ ihre Flugzeuge kreisen. Und wieder machte der Sommerregen der Feier einen zweiten Strich durch die Feier-Rechnung. Auch der zweite Feiertag endete mit Regengüssen. Manche gedachte Vorführung fiel ins Wasser. Doch das focht die Kelsterbacher nicht an. In der Stadt am Untermain wurde in den auf die Stadtwerdung folgenden Jahrzehnten so manches Fest nachgeholt. Und bis heute hat sich der Ort seine Feierfreudigkeit erhalten.

Hartmut Blaum, Stadtarchivar